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  • Esther Achermann

Holistisches Weidemanagement

Ein Bericht über den Betrieb Silberdistel von Lena und Cäsar Bürgi


Weidebetriebe sehen sich zunehmend durch trockene und heisse Sommermonate, mit Futtermangel oder suboptimalem Pflanzenbestand konfrontiert. Auf der Suche nach einer Lösung stösst man in regenerativen Kreisen schnell auf die Begriffe Mobgrazing, Holistic Grazing und holistisches bzw. ganzheitliches Weidemanagement, welche eigentlich alle dasselbe bezeichnen: Eine Weideform, welche Bodenfruchtbarkeit, Pflanzengesundheit, Ertrag und Tierwohl vereint und in all diesen Bereichen das Maximum herausholt.


Wenig Fläche, hoher Tierbesatz, lange Erholungszeiten für die Pflanzen. (Foto zVg)


Ein landwirtschaftliches System ohne Tiere ist nicht komplett. Tiere sind wichtiger Bestandteil eines funktionierenden Ökosystems. Sie regulieren den Pflanzenbestand, lockern den Boden und rückverfestigen ihn wieder. Und sie bringen ihren Dünger gleich selbst auf das Feld. Tiere sind eine wichtige Lebensgrundlage der Bodenbiologie und umgekehrt ist das Bodenleben wichtig für Ernährung und Gesundheit der Tiere.


Das System Mobgrazing ist in der Schweiz zwar bekannt, wird aber bislang noch kaum angewendet. Wenn, dann werden vor allem Rinder nach dem Mobgrazing-System gehalten. Dass man aber sämtliche Tierarten und noch viel mehr in diese Art der Bewirtschaftung eingliedern kann, zeigen Cäsar und Lena Bürgi auf ihrem Betrieb Silberdistel in Holderbank im Kanton Solothurn. Der biodynamische Betrieb bewirtschaftet rund 40ha LN, hält 30 Mutterkühe mit Kälbern, züchtet eine eigene Hof-Schweinerasse, baut Freiland- und Tunnelgemüse an und hält Hühner, Ziegen und Pferde.


Die Silberdistel im Sonnenlicht. (Foto zVg)


André Voisin und Allan Savory als Wissensquelle und Inspiration


Bürgis arbeiten seit rund fünf Jahren nach dem holistischen System. Während der ersten beiden Jahre ihrer Pacht weideten sie ihre Rinder noch nach dem konventionellen System, also über mehrere Wochen auf einer grossen Weide. Über die Literatur von Allan Savory und Andre Voisin wurden sie dann aber auf das ganzheitliche Weidesystem aufmerksam und begannen, ihren Betrieb dafür anzupassen und die Weiden umzustrukturieren.


Lena und Cäsar Bürgi. (Foto zVg)


Die Grundidee des ganzheitlichen Weidemanagements ist simpel: Man kopiert einfach die Natur. Alles ist ständig in Bewegung, nie lange am selben Ort. Die Tiere werden also nie wochenlang in derselben Weide gehalten, sondern sie bestossen eine kleine Fläche für kurze Zeit und werden dann weiter in die nächste Weide getrieben. Die Ruhezeit vor der nächsten Beweidung lässt den Pflanzen und dem Boden genügend Zeit zur Erholung. Im Frühling hilft eine möglichst frühe Beweidung aller Flächen, den grossen Wachstumsschub und den Pflanzenbestand im Griff zu halten. So können beispielsweise der Wiesen-Pippau und die weiche Trespe auf den Heuwiesen erfolgreich dezimiert werden, da diese bis zum ersten Schnitt nicht mehr versamen können.


Während der Sommermonate wird eine Weide von einer kleinen Gruppe Tiere währen maximal vier Tagen beweidet, bevor sie vier bis sechs Wochen leer steht und sich erholen kann. Kahl abgefressene Stellen sind unerwünscht. Im Gegenteil, Weideresten und niedergetrampeltes Gras bieten Nahrung für die Bodenmikroorganismen und schützen den Boden vor Erosion und Austrocknung. Dadurch, dass die Pflanzen nicht bodeneben abgefressen werden, bleibt ihnen mehr Assimilationsfläche. Somit können sie für den Nachwuchs die Sonnenenergie nutzen und müssen nicht von den Wurzelreserven zehren.

Nach der Bestossung verbleibt immer genügend Assimilationsfläche. (Foto zVg)


Die Pflanzen haben dadurch grundsätzlich mehr Wurzelmasse. Diese generiert wiederum einen schnelleren Aufwuchs der Pflanze. Und damit verbunden mehr Humusaufbau, ein besseres Wasserspeicherungsvermögen und weniger Rutsche in Hanglagen, da der Boden durch die starke Durchwurzelung mehr Halt hat. Der Tritt der Kühe bietet Pflanzensamen zudem ein Mikroklima, in welchem sie vor Wind und Kälte geschützt keimen können. Es kann also ruhig auch geweidet werden, wenn es mal länger regnet. Die Weiden können beispielsweise mit Kompost gedüngt werden, Bürgis betonen jedoch, dass dies in ihrem Fall gar nicht nötig ist.


Auch Schweine können auf der Weide gehalten werden. Bürgis haben dafür den eigens konzipierten „Sau-Karavan“ entworfen und gebaut und halten rund zehn Freilandschweine der Hofrasse „buntes Distelschwein“. Die Schweine wühlen bevorzugt verfilzte Grasnarben auf, die von den Rindern gemieden werden. Nach sieben bis zehn Tagen zieht der Karavan samt Sauen einige Meter weiter auf eine neue Weide. Die von den Schweinen umgewühlte Fläche wird nun gefräst und neu bepflanzt, entweder mit einer Klee-Gras-Mischung oder mit Gemüsesetzlingen.


Die Schweine werden ebenfalls regelmässig gezügelt... (Bild zVG)


Für Bürgis ist klar: Wenn die Tiere ständig weiterziehen, dürfen auch Pflanzenbestände wie die Gemüsekulturen nie am selben Ort stehen. Dafür wurde – ebenfalls Marke Eigenbau – ein mobiler Folientunnel gebaut. Dieser bedeckt während den Frühlings- und Sommermonaten Kulturen wie Tomate, Aubergine, Salat, etc.


Sind die Sommergemüse gegen Herbst abgeerntet, wird der Tunnel auf die bereits gesäten und gepflanzten Herbst- und Winterkulturen gezogen. So befinden sich immer jene Kulturen im Schutz des Folientunnels, welche ihn auch brauchen. Durch die ständige Rotation wachsen die Pflanzen immer auf frischem, gesundem, humusreichem Boden. Krankheits- und Schädlingsdruck lassen sich so auf ein Minimum reduzieren.


... genau so wie der Folientunnel ... (Foto zVg)


Die Hühner indessen freuen sich über das abgeräumte Gemüsefeld, picken Ernterückstände zusammen oder scharren Kuhfladen auf, um die darin enthaltenen Maden zu verspeisen. Auch die Ziegen und die Pferde sind im Weideturnus miteinbezogen. Dies funktioniert sehr gut, da Rinder, Pferde und Ziegen unterschiedliche Pflanzenpräferenzen und unterschiedliche Parasiten haben.


... und nicht zuletzt auch die Hühner. (Foto zVg)


Infrastruktur für die Weiden


Sehr wichtig bei dieser Art der Beweidung ist eine optimale Einrichtung. Die Weidekoppeln sollten nicht zu gross sein, da es sonst schnell Stellen gibt, an welchen die Tiere praktisch nie fressen, Stellen, an welchen das nachwachsende Gras gleich wieder abgefressen wird und Stellen, wo die Tiere ständig liegen und koten. So ergeben sich auf derselben Weide eine Extensivierung, aber gleichzeitig auch eine Übernutzung und eine Überdüngung. Auch die typischen Weidewege in Hanglagen können durch kleinere Weiden relativ einfach vermieden werden.


Eine grosse Arbeitserleichterung ist das Einziehen von Wasserleitungen und das Setzen von Brunnen oder Tränkebecken in allen Weiden. Dies mag nach grossem Aufwand klingen. Die Arbeit lohnt sich auf Dauer betrachtet aber sehr, da die Tiere doch relativ oft die Weiden wechseln.


Ein Mehraufwand, der sich langfristig lohnt


Man muss sich bewusst sein, dass dieses System einen hohen Arbeitsaufwand verlangt. In den ersten paar Jahren wird wohl auch noch kein allzu grosser Erfolg sichtbar sein, denn es dauert einige Zeit, bis sich der Boden und seine Bewohner und die Pflanzen an das neue System gewöhnt haben und Probleme wie Trockenheit, lückige Grasnarben, altes Gras und Problempflanzen sich verflüchtigen oder sogar gänzlich verschwinden.


Doch es lohnt sich, wie Cäsar und Lena Bürgi betonen. Sie würden nicht mehr zurück zum früheren Bewirtschaftungssystem wechseln. Die Mehrarbeit ist für sie keine Belastung, denn ihre Hofphilosophie entspricht nicht dem Ziel, den Betrieb durch maximale Arbeitsoptimierung zu extensivieren. Vielmehr wollen sie eine intensive Landwirtschaft betreiben, wo Mensch und Natur im Gleichgewicht sind. Durch den mobilen Folientunnel, den mobilen Hühnerstall und den Sau-Karavan können sie Umtriebe und Verschiebungen schnell und einfach erledigen.


Ein Teil der Produktpalette der Silberdistel. (Foto zVg)


Unabhängigkeit von betriebsfremden Ressourcen


Für Cäsar muss ein Landwirt einzig mit seinem Wissen, seinen Fähigkeiten und mit Hilfe der Elemente Lebensmittel erzeugen können. Dafür braucht es keine Zusätze in Form von Kunstdüngern, Pflanzenschutzmittel oder teure Investitionen und neuen Technologien. Ein weiteres Stichwort, welches Cäsar immer wieder betont, ist die Autarkie. Landwirtschaft zu betreiben, möglichst unabhängig von betriebsfremden Ressourcen wie Treibstoffen oder teuren Baumaterialien, ist sein Ziel. Deshalb sind während der Sommermonate keine Tiere im Stall, sondern alle auf der Weide. Sie sollen sich ihr Futter selber holen, statt dass ihnen dieses mit Maschinen und teurem Diesel in die Krippe chauffiert wird.


Spannend fände Cäsar, die Tiere ganzjährig draussen zu halten und völlig auf einen Stall zu verzichten. Da es grundsätzlich immer schneeärmere Winter geben wird, ist dies vielleicht schon bald möglich. Und sonst finden Bürgi’s mit ihrer Innovationskraft und ihrem Pioniergeist sicher eine optimale Lösung.


Zur Website der Silberdistel: https://silberdistel-kost.ch/


Infos und Kurse zu ganzheitlichen Weidesystemen:


Allan Savory: TED-Talk von 2013

Savory-Institute YouTube-Kanal (englisch)

André Voisin: Die Produktivität der Weide (PDF)


Basiskurse in Bern und Graubünden (Schweiz): Regenerative Landwirtschaft im Grünland

Webinar Aufbauende Landwirtschaft: Mobgrazing von Manuel Winter

Webinar Aufbauende Landwirtschaft: Holistisches Weidemanagement von Viviane Théby


Blog-Artikel Mob-Grazing in der Schweiz?


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