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Unter den Oliven: Leguminosen helfen dem Boden

Agroforst unter Oiven: Leguminosen helfen dem Boden

Im Rahmen meiner Masterarbeit in Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich habe ich im Norden Tunesiens Agroforst-Systeme mit Oliven und Leguminosen, also Hülsenfrüchte wie etwa Bohnen, Erbsen oder Linsen, untersucht und deren Potential als Strategie der pfluglosen Bodenbearbeitung in Nord Tunesien studiert. Ich konnte nachweisen, dass die Niederschläge in gepflügten Olivenkulturen wegen der Verdichtungen an der Pflugsohle nur die oberste Bodenschicht befeuchten, jedoch nicht in den Unterboden absickern. Den grössten Feuchtigkeitsgehalt in Ober- und Unterboden fand ich in Kulturen, bei denen Wicken oder andere Leguminosen-Mischungen direkt, also ohne vorgängiges Pflügen, eingesät wurden.


Ich habe das Potential von Leguminosen als Strategie der pfluglosen Bodenbearbeitung studiert und entdeckte tief verwurzelte Strukturen, die die Gewohnheit des Pflügens festigen. Wenn wir einen systemischen Wandel wollen, müssen Forschende und Landwirt:innen zusammen lernen, was für den Boden und das Leben der Landwirt:innen am sinnvollsten ist. In diesem Blogpost möchte ich euch von der Reise in ein Land erzählen, das in den 90ern eine beliebte Feriendestination war und seit dem arabischen Frühling mit gemischten Gefühlen betrachtet wird. Forschung machen zu dürfen, in einem Ernährungs- und Agrarsystem, das derart von unserem abweicht, inspirierte und begeisterte mich zutiefst.

Reise nach Tunesien

Im Oktober 2022 reiste ich nach Tunis, der Hauptstadt Tunesien’s, um meine Masterarbeit für die ETH Forschungsgruppe Agroecological Transitions zu schreiben. Ich habe mich für Tunesien entschieden, weil ConServeTerra dort bereits Forschung betreibt und die Landwirte im Mittelmeerraum bei der Umstellung auf die konservierende Landwirtschaft fördert. Für meine Arbeit durfte ich Daten eines existierenden ConServeTerra Projektes nutzen.


Mitten in der Nacht kam ich in Tunis an und bezog ich meine Wohnung im fünften Stock eines Hochhauses, das aus einem der sanften Hügel von Tunis ragte. Unwissend, ob ich tunesisches Leitungswasser trinken konnte, erfreute ich mich über eine Dose Cola im Kühlschrank. Da stand ich also, auf dem Balkon meines neuen Zuhauses und die kalte Cola kitzelte meine Kehle wie die funkelnden Lichter meine müden Augen.


Tunis: Die Aussicht von meinem Balkon

Abbildung 1: Die Aussicht von meinem Balkon (Foto: Olivia Senn)


Am nächsten Morgen spazierte ich dreissig Minuten zu meinem neuen Arbeitsplatz bei INRAT, dem tunesischen Institut für Agrarforschung. Dieser Spaziergang durch die Nebenstrassen, wurde seit diesem Tag zu meinem morgendlichen Ritual. Entlang all den Cafés und kleinen Supermärkten, vor denen immer, egal um welche Uhrzeit, unzählige Männer sassen, rauchten und Kaffee tranken.


INRATa Die Eingangspforte zu meinem neuen Arbeitsplatz

Abbildung 2: Die Eingangspforte zu meinem neuen Arbeitsplatz (Foto: Olivia Senn)


Die Transformation unserer Ernährungssysteme ist mir eine Herzensangelegenheit. Die Erforschung von Leguminosen ist dafür essentiell, damit wir unseren Proteinbedarf in Zukunft vermehrt durch pflanzliche Proteine decken können. Ich entschloss mich also, das Potenzial von Agroforstsystemen mit Oliven und Fababohnen (Vicia faba) oder Futterwicken (Vicia sativa) für eine reduzierte Bodenbearbeitung zu untersuchen. In Tunesien werden V. faba und V. sativa häufig als Deckfrüchte im Olivenanbau verwendet. Fababohnen gehören zu den wichtigsten Ackerfrüchten im Mittelmeerraum und liefern wertvolle Proteine für Mensch und Nutztier.


Meine Forschung setzte sich zusammen aus einer quantitativen Analyse der Bodenparameter Wasser und Stickstoff sowie einer qualitativen Studie über die lokale, pflugreduzierte Olivenproduktion. Den sozialen Einfluss auf landwirtschaftliche Tätigkeiten wie das Pflügen zu studieren, gehörte für mich zu einer holistischen Forschung. Jeden Feierabend spazierte ich zu meiner Lieblings-Superette (Supperettes sind kleine, unabhängige Supermärkte) und setzte mich mit Jihène, die Besitzerin, in weisse Plastikstühle, um Nüsse zu essen und zu plaudern.


In der regenerativen Landwirtschaft ist es allgemein bekannt, dass bedeckte Böden und pfluglose Bewirtschaftung gesünder sind (Ben Moussa-Machraoui et al., 2010; Novara et al., 2021; Rey et al., 2019; Rühl et al., 2011; Sastre et al., 2017; Vanwalleghem et al., 2011; Martin‐gorriz et al., 2022). Doch offener Boden und schwere Maschinen bedeuten für einen Grossteil der Forschenden und Landwirt:innen Fortschritt (Faulkner, 1943). Bevor ich also die Interviews aufnahm, rollte ich die Geschichte des Pfluges aus.


Die Geschichte des Pflügens


Handpflug. Ein 78jähriger Landwirt pflügt damit um seine 3'000 Jahre alten Oliven-Bäume
Abb3: Handpflug. Ein 78jähriger Landwirt pflügt damit um seine 3'000 Jahre alten Olivenbäume (Foto: Olivia Senn)

Pflügen ist eine landwirtschaftliche Praxis, die es fast so lange gibt wie die Landwirtschaft selbst. In der antiken mesopotamischen Landwirtschaft wurde ein Stock verwendet, um den Boden zu öffnen. Eine Praxis, um «die Dürre zu brechen» und «den Boden zu nähren», wie historische Dokumente zeigen (Lal et al., 2007). Aus diesem Stock hat sich der Pflug zu einem metallenen Koloss entwickelt, der von einem noch grösseren Fahrzeug gezogen wird, um tief in den Boden zu schneiden und ihn umzudrehen. Diese Mechanisierung wurde im Laufe der Zeit als nützliche Innovation anerkannt.


Forschende und Praktizierende waren sich über ihre Vorteile einig: Das Aufbrechen der Bodenkruste, das Auflockern des Bodens zur Vorbereitung des Saatbetts für die Pflanzen, das Bewegen des Bodens zur Veränderung seiner physikalischen Struktur und die Unkrautbekämpfung. Ausserdem konnten Dung oder neu erfundene chemische Düngemittel in den Boden eingearbeitet werden. Der Pflug wurde neben verbessertem Saatgut und Dünger als wesentlicher Bestandteil einer landwirtschaftlichen Trilogie angesehen, der die Produktivität um ein Vielfaches steigern sollte. Auf diese Weise konnten weniger Landwirt:innen mehr Erträge erzielen und mehr Menschen und Vieh ernähren als je zuvor in der Geschichte (Lal et al., 2007).


Die Kehrseite

Die Kehrseiten des Pfluges wurden erst Mitte des 20. Jahrhunderts sichtbar. Das Verschwinden der Böden und deren Fruchtbarkeit veranlasste einige Menschen, die Praxis des Pflügens in Frage zu stellen und die Nachteile des Pfluges zu untersuchen. Der kahle, offene Boden war anfällig für Wind-, Wasser- und Bodenerosion. Die Wassererosion stellt derzeit die schädlichste Auswirkung auf die Böden dar und wird durch das Pflügen stark gefördert (Sastre et al., 2017). Bei einigen Bodenbearbeitungsmethoden beschleunigt die zusätzliche Inversion des Bodens dessen Zersetzung, was zu einem Verlust an organischer Substanz und damit zu einem erhöhten Kohlenstoffeintrag in die Atmosphäre führt.


Bodenverkrustung und  -verdichtung sind weitere Gründe für den langfristigen Trend der Abnahme der Bodenfruchtbarkeit (Abu-Hamdeh & Reeder, 2003; Rieke et al., 2022). Intensive Bodenbewirtschaftung ist ausserdem für einen erheblichen Verlust an biologischer Vielfalt verantwortlich, wobei viele Bodenorganismen getötet und Pilze zerstört werden (Rey et al., 2019; Sánchez-Moreno et al., 2015).


Der Rückgang der Bodenfruchtbarkeit aufgrund der konventionellen Bodenbearbeitung ist auch in Tunesien zu beobachten. Der Bodenatlas von Afrika (European Commission, 2017: 161) nennt Überweidung, Versalzung, Urbanisierung, Bodenerosion und Wüstenbildung als grösste Bedrohung für den tunesischen Boden. Unregelmässige Regenfälle sind ein weiteres Problem in Tunesien, wie meine Interviews zeigten und von der Forschung bestätigt wird (Derouiche et al., 2022). Die interviewten Landwirt:innen nannten die schlechten Böden und die Wasserknappheit in Nordtunesien als grössten Bedrohungen für ihre Betriebe (Senn, 2023). In der nordöstlichen Region Tunesiens hat die konventionelle Bewirtschaftung den Abbau organischer Bodensubstanz gefördert (Ben Abdallah et al., 2021).


Die Nachteile des Pflügens sind heute offensichtlich. Ausserdem ist Pflügen äusserst energie- und zeitintensiv. Konventionelle Bodenbearbeitungsmethoden sind für viele Emissionen fossiler Brennstoffe stärker verantwortlich als Direktsaatverfahren (Lal, 2004) . Bereits 1942 betonte Faulkner, ein Pionier der konservierenden Bodenbearbeitung, dass es keinen wissenschaftlichen Grund für die Bodenbearbeitung gäbe. Was also motiviert tunesische Landwirt:innen zum Pflügen?


Wieso pflügen Landwirt:innen in Nordtunesien?


Auf dem Weg zurück nach Tunis
Abbildung 4: Auf dem Weg zurück in die Stadt (Foto: Olivia Senn)

Während meiner Zeit in Tunis bin ich in verschiedene Regionen Nordtunesien’s gefahren, um dort mit Landwirt:innen zu sprechen. Ich redete mit Bauern, die hunderte von Olivenbäumen in Monokultur pflanzten und Bäuerinnen, die Agroforst betrieben. Neben der Sprachbarriere war die grösste Herausforderung, die Betriebe überhaupt zu finden, da die meisten Landwirt:innen keine Adressen und die Strassen keine Namen hatten. Wir mussten also in den nächstgelegensten Ort fahren, und uns stundenlang bei den Anwohnenden erkundigen, in welche Richtung wir fahren müssen, um unsere Interviewpartner:innen zu finden.


Bei ihnen angekommen, freuten sich die meisten über unseren Besuch, zeigten uns ihr Land, ihre Familie, und ihren ganzen Stolz – die Olivenbäume. Olivenbäume tragen in Tunesien den Stellenwert von Familie und Freunden. Ein Landwirt erzählte mir selbstbewusst:

«Olivenöl fliesst durch meine Adern. [...] Sie [die Olivenbäume] sind meine Freunde. Ich habe eine liebevolle Beziehung zu ihnen.»

Ein anderer meinte:

«Der Olivenbaum ist besser als die Mutter.»

Diese Einstellung widerspiegelt sich in der grossen Bedeutung des Agrarsektors für die Wirtschaft Tunesiens. Über 10% des BIP werden durch die Landwirtschaft generiert, wobei Oliven das drittwichtigste Agrarprodukt des Landes sind (Agrarministerium Tunesien, 2021).


Meine Untersuchung ergab, dass die Landwirt:innen Olivenbäumen vor allem aufgrund der Vererbung, aber auch aus Leidenschaft anbauen. Die meisten Befragten haben eine besondere Bindung zu ihren Bäumen und pflügen, weil sie es für notwendig halten. Die Landwirt:innen sind sich des Verlusts an organischer Substanz nicht bewusst, was eine weitere Erklärung für das häufige Pflügen sein könnte, abgesehen von den offensichtlicheren Gründen wie Unkrautbekämpfung, Aufbrechen der Bodenkruste und Vorbereitung des Saatbetts. Einige Landwirt:innen, die mit ihren Oliven oder anderen Kulturen ein ausreichendes Einkommen erwirtschaftet hatten, investierten in Direktsaatmaschinen und haben die Vorteile der Direktsaatmethode kennen gelernt.


Die meisten Landwirt:innen sind jedoch nicht bereit, die Bodenbearbeitung einzustellen oder in eine Direktsaatmaschine zu investieren. Denn Landwirt:innen mit wenig Land kämpfen mit jeder Ernte um ihre Existenz. Da sie nicht wie Schweizer Landwirt:innen Direktzahlungen erhalten, haben sie keine Ressourcen um zu experimentieren. Sie sind in einem Teufelskreis des Pflügens gefangen, der durch ihre Gewohnheit, die Bodenkruste und die Wasserknappheit erzwungen wird. Ein Durchbrechen des Kreislaufs des Pflügens ist nur möglich, wenn die Alternative zum Pflug finanziell attraktiv ist und gleichzeitig die Wasserinfiltration oder Unkrautbekämpfung erleichtert. Ausserdem muss sichergestellt werden, dass ihre Oliven-Ernte nicht von fremdem Vieh bedroht wird.


Herausforderungen

Die grösste Herausforderung für die konservierende Agroforstwirtschaft ist nach meinen Erkenntnissen der Verzicht auf den Pflug. Denn Pflügen bietet den Landwirt:innen viele Vorteile wie die Schaffung eines Saatbetts und die Unkrautbekämpfung, was die Gewohnheit des Pflügens verstärkt. Diese positiven Nebeneffekte der Bodenbearbeitung machen es schwer, die Gewohnheit aufzugeben, auch wenn die Landwirt:innen die Nachteile der Bodenbearbeitung längst erkannt haben. So sind beispielsweise die Beschädigung der Baumwurzeln oder die hohen Personal-, Zeit- und Benzinkosten wichtige Nachteile des Pflügens. Eine Aufklärung über die negativen Folgen des Pflügens wäre wichtig, um eine Veränderung in der Wahrnehmung und schliesslich die Anzahl der Pflugpassagen zu reduzieren.


Die grösste Herausforderung für die konservierende Agroforstwirtschaft ist der Verzicht auf den Pflug.

Darüber hinaus sind Unkräuter in der Wahrnehmung der Landwirt:innen ein starkes Hindernis für die Agroforstwirtschaft, weil sie unkontrolliert wachsen und (vermeintlich) mit den Bäumen um Wasser konkurrieren.


Meine Analyse zeigte jedoch, dass Parzellen mit Begleitvegetation im Schnitt mehr Feuchtigkeit aufweisen und die Wasserinfiltration in tiefere Bodenschichten eher gewährleistet ist.


Ich habe vier verschiedene Bodenbearbeitungen untersucht:

  • Pflügen (20cm tief) ohne Bodenbedeckung

  • Spontanvegetation ohne Pflug

  • Direktsaat einer Futtermischung aus Wicke und Triticale ohne Pflug

  • Direktsaat von Wicken-Mulch und Weidegang von Schafen


Ein weiterer negativer Effekt des Pflügens ist die Pflugsohle, die sich im Unterboden bildet. Das Wasser scheint in den Boden einzusickern, schafft es aber nicht, den verdichteten Unterboden zu durchbrechen. Meine Ergebnisse zur Bodenfeuchtigkeit deuten auf eine verdichtete, undurchlässige Pflugsohle in 20 cm Tiefe hin. Die Messungen wurden kurz nach den ersten Regenfällen nach einem sehr langen, trockenen Sommer durchgeführt. Die gepflügte Parzelle zeigt eine gute Infiltration des Oberbodens, aber eine sehr geringe Feuchtigkeit in der Unterbodenschicht. Die Parzelle mit der Saatgutmischung und dem Wicken-Mulch zeigen eine gleichmässige Wasserverteilung im Ober- und Unterboden.


Die folgende Abbildung zeigt, dass das Wasser bei gepflügtem Boden nicht in die Unterbodenschicht einsickern kann, während alle anderen Behandlungen das Einsickern in den Unterboden erleichtern. Der grüne Balken zeigt den Wassergehalt im Oberboden, der gelbe Balken den Wassergehalt in 20-40 cm Tiefe.


Für Landwirt:innen schaut es also aus, als würde der gepflügte Boden am meisten Wasser aufnehmen, da im Oberboden teils mehr Feuchtigkeit vorhanden ist als bei anderen Parzellen. In Wirklichkeit enthalten die Saatmischung und der Wicken-Mulch den höchsten Feuchtigkeitsgehalt.


Feuchtigkeitsgehalt im Boden

Abbildung 5: Feuchtigkeitsgehalt im Ober- und Unterboden bei verschiedenen Bodenbearbeitungen (Senn, 2023)


Leguminosen

Leguminosen sind aufgrund ihrer bodenverbessernden Eigenschaften als Gründüngungen im Olivenanbau weit verbreitet (Rühl et al., 2011). Tunesische Landwirt:innen pflanzen oft Vicia faba oder Saatgutmischungen mit Vicia sativa und Avena sativa (Hafer) als Zwischenkulturen. V. faba wird als Lebens- oder Futtermittel verkauft, während V. sativa ausschliesslich als Futtermittel verwendet wird (Senn, 2023). Sie werden entweder geerntet und verkauft oder auf dem Boden belassen, um einen grünen Mulch zu bilden, der dazu beiträgt, die Bodenfeuchtigkeit zu erhalten, den Boden vor Hitze und Erosion zu schützen und bei der Unkraut- und Schädlingsbekämpfung hilft (Bilalis et al., 2003; Boutagayout et al., 2020; Paredes et al., 2013; Sastre et al., 2017).


Oliven-Produktion in Nord-Tunesien mit und ohne Gründüngung

Abbildung 6: Mittel-intensive Olivenproduktion in Nord-Tunesien. Links ohne und rechts mit Vicia faba als Gründüngung (Foto: Olivia Senn)


Sowohl Gòmez et al. (2009) als auch Palese et al. (2014) betonten das Potenzial von Zwischenkulturen zur Erhaltung der Bodenstruktur, um die Wasserspeicherung zu verbessern und die Gefahr der Bodenerosion zu verringern. Da Olivenhaine einen grossen Teil der tunesischen Landfläche bedecken, setzen Forschende auf eine konservierende Landwirtschaft als Lösung zur Bekämpfung der nationalen Wasserknappheit.


Ähnliche Beobachtungen machten Keesstra et al. (2018), die darauf hinwiesen, dass sogenannte naturbasierte Lösungen wie agroforstwirtschaftliche Praktiken und Vegetationsmanagement verbesserte Ökosystemleistungen wie Wasserrückhalt, Erosionsschutz, Kohlenstoffbindung, Bodenschutz und Biomasseproduktion zur Folge haben können. Darüber hinaus kann die Einführung lokaler Futterpflanzen oder spontaner Vegetation den agrarökologischen Wert von Olivenhainen erheblich verbessern, wie z. B. die Nutzung ökologischer Prozesse, die Verbesserung der Biodiversität und die Schädlingsbekämpfung (Inass et al., 2020; Paolotti et al., 2016; Tarifa et al., 2021).


Der positive Einfluss auf den totalen Stickstoffgehalt von V. sativa als dauerhafte Bodenbedeckung ist in folgender Abbildung ersichtlich. Jede Farbe repräsentiert eine Art der Bodenbearbeitung: pflügen, spontane Vegetation, Saatmischung und Wicken-Mulch.


Stickstoffgehalt im Boden

Abbildung 7: Der totale Stickstoffgehalt im Boden bei den verschiedenen Bearbeitungsmethoden pflügen, Spontanvegetation, Saatmischung und Wicken-Mulch (Senn, 2023)


Tierhaltung

Nutztiere können Agroforstsysteme mit Oliven nachhaltig beeinflussen. Paolotti et al. (2016) untersuchten dazu Freilandgeflügel, das auf Olivenhainen weidet. Die Beweidung dient der Unkrautbekämpfung sowie der Düngung im Obstgarten, verbessert die Qualität des Ökosystems und reduziert somit den Ressourcenverbrauch drastisch (ebd.). Hühner sind jedoch nicht die einzigen Tiere, die zwischen den Olivenbäumen grasen können, ohne die fruchttragenden Zweige zu gefährden.


Auch grössere Tiere wie Ziegen können zwischen den Bäumen grasen, und die konditionierte Geschmacksaversion (das ist die konditionelle Vermeidung eines bestimmten Geschmacks, in diesem Fall Oliven und Olivenblätter) könnte ein wertvolles Instrument sein, um die Futtervorlieben der Tiere zu verändern. Die Tiere grasen dann selektiv in den Obstplantagen, ohne die fruchttragenden Zweige zu beschädigen (Albanell et al., 2017).


Meine Interviews zeigten allerdings, dass dies keine Option für tunesische Landwirt:innen ist. Denn sie befürchten, dass die Tiere die Äste ihrer Olivenbäume fressen. Diese Angst motiviert sie auch, die Begleitvegetation unterzupflügen, da sie so verhindern, dass fremdes Vieh auf ihre Olivenplantage gelockt wird. Ein lokaler Forscher bezeichnete das Pflügen als eine Art asoziale Praxis, mit der die Landwirte eine kostenlose Fütterung ihrer Nachbarn verhindern wollen.


Allerdings erzählte mir ein Landwirt von seinen positiven Erfahrungen mit Schafen auf seinem Olivenhain. Da er den Boden zwischen den Olivenbäumen ganzjährig bedeckt hielt, ginge den Tieren das Futter am Boden nicht aus, weshalb sie seine Olivenbäume in Ruhe liessen. Die umgrasten Olivenbäume würden mehr Ertrag bringen, und auf dem ungepflügten Boden sprossen Pflanzen sogar während der Trockenzeit. Es wäre spannend zu erforschen, welche Tiere am besten geeignet wären, um zwischen den Olivenbäumen zu grasen, und unter welchen Umständen sie die Olivenäste fressen.


Fazit

Eine der grössten Befürchtungen bei der Anwendung von agroforstlichen Praktiken mit Zwischenfrüchten ist die Angst der Landwirt:innen vor Wasserverlusten aufgrund des Zusammentreffens von Olivenbäumen und Begleitvegetation (Gòmez et al., 2009; Gómez et al., 2021). Dies bestätigten auch meine Interviews. Allerdings zeigte jede alternative Behandlung zum Pflug bessere Ergebnisse für Feuchtigkeit, Nitrat und Gesamtstickstoff.


Da Wasser die limitierende Ressource für tunesische Olivenbauern ist, könnte selbst mein nicht signifikantes Ergebnis ihre Wahl der Bodenbehandlung beeinflussen, solange die Feuchtigkeit erhalten bleibt. Daher sind die Ergebnisse sind für die Kommunikation mit Landwirt:innen und Entscheidungsträgern wertvoll.


Neben der Wasserspeicherung verbraucht die reduzierte oder pfluglose Bodenbearbeitung weniger fossile Energie als die herkömmliche Pflugbearbeitung, da weniger Kilometer mit motorisierten Maschinen zurückgelegt werden. Vielfältige Fruchtfolgen, einschliesslich Leguminosen, könnten auch die Effizienz des Düngemitteleinsatzes verbessern, indem sie die Düngermengen reduzieren, da sie Stickstoff aus der Atmosphäre fixieren (Ben Moussa-Machraoui et al., 2010; Lal, 2004; Rühlemann & Schmidtke, 2015). Eine Verringerung des Düngemitteleinsatzes führt zu einer weiteren Senkung des Energiebedarfs des Anbausystems, da die Herstellung von synthetischen Düngern enorm energieintensiv ist (Rutkowska et al., 2018; West & Marland, 2002).


Der positive Einfluss der pfluglosen Bearbeitung auf den Gesamtstickstoff und das pflanzenverfügbare Nitrat, macht die Argumentation für den Anbau von Zwischenkulturen sehr stark. Diese Ergebnisse zeigen, dass das Pflügen in Anbetracht aller Nachteile für die Bodengesundheit und der hohen Kosten für Benzin, Arbeitskräfte und Zeit tatsächlich die ungünstigste Option ist. Sie hat weder auf die Bodenfeuchtigkeit noch den Stickstoffgehalt einen positiven Einfluss, so dass die Gründe für eine pfluglose Landwirtschaft überwiegen.


Pflügen ist in Anbetracht aller Nachteile für die Bodengesundheit und der hohen Kosten für Benzin, Arbeitskräfte und Zeit tatsächlich die ungünstigste Option.

Es war bereichernd, Landwirt:innen zu treffen, die konservierende Landwirtschaft praktizieren, und einen Raum zu schaffen, in dem sie ihre Bemühungen und Sorgen teilen können. Die Ergebnisse meiner Studie werden hoffentlich in die agrarwissenschaftliche Forschung zurückfliessen und als Plattform dienen, um die guten Praktiken der Landwirt:innen sichtbar zu machen. Das Wissen über nachhaltige Landwirtschaft in Tunesien wächst und ich hoffe, dass diese Arbeit dazu beiträgt, die negative Wahrnehmung der Begleitvegetation in eine positive zu verwandeln. Viele suchen nach Lösungen, die von der Natur inspiriert sind. Zum Beispiel Dr. Hatem Cheikh M’hammed, der zu mir sagte: «Wie der Wald, wo weder gepflügt noch gedüngt wird. Natürliche Zyklen funktionieren.»


reife Oliven in Tunesien
Abbildung 8: Foto von reifen Oliven in Nordtunesien (Foto: Olivia Senn)

Als ich meinen Koffer mit haufenweise tunesischen Mandeln und beeindruckenden Erinnerungen packte, dachte ich an die einzige Landwirtin, die ich interviewt habe. Sie ist in Nordtunesien bekannt für ihre effiziente Betriebsführung, denn sie hat viele Milchkühe und 2’000 bio-zertifizierte Olivenbäume. Ihre Milch liefert sie an Danone, da ihr der regionale Milchmarkt zu vulnerabel ist.  Seit Jahren schwört sie auf Faba-Bohnen zwischen ihren Olivenbäumen, da sie so unabhängiger produzieren kann:  Ihre Kühe füttert sie mit betriebseigenem Futter und Düngermittel-Import kommt für sie nicht in Frage. Dass ein globaler Konzern ihr Unabhängigkeitsbestreben und die instabile politische und marktwirtschaftliche Lage ausnutzt beunruhigte mich und ich verblieb mit der Hoffnung, dass sich agrarökologische Prinzipien nicht nur aus ökonomischer und politischer Hinsicht lohnen, sondern aus sozialer und ökologischer Motivation entstehen.


Link zu meiner Masterarbeit


Link zu meinem (ganz frischen) Blog

 

Quellen


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