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  • Esther Achermann

Regenerative Weidewirtschaft im Wallis

Auf dem Hof Gugel in Ried-Mörel im Wallis lebt das Paar Lionne Spycher und Aureus Schüle mit den beiden Kindern Louve und Andri, einer Herde Engadiner- und Walliser Landschafen, zwei Mutterschweinen und deren Ferkeln sowie einem grossen Selbstversorgergarten.


Lionne und Aureus sind beide gelernte Landwirte und teilen sich die Arbeiten in Haus und Hof. Sie übernahmen den Betrieb im Jahr 2014 im Pachtverhältnis. Die Fläche beschränkte sich zu Beginn auf rund drei Hektaren. Inzwischen konnte die junge Familie weitere Flächen dazupachten, so dass der Betrieb mittlerweile 15 Hektaren umfasst.


Patte de Lion
Lionne, Aureus, Andri und Louve

Mit dem Nachbarsbetrieb, welcher von Stefan und Simone bewirtschaftet wird, verbindet sie eine enge Zusammenarbeit. Stefan hält Mutterkühe, Ziegen und Pferde. Dank der Vielfalt von Tierarten ist es den beiden Betrieben möglich, das Grasland individuell zu bewirtschaften. Es wird sehr darauf geachtet, dass laufend ein sinnvoller Weidewechsel stattfindet, so dass immer andere Herden auf den Weiden sind.


Lange war den beiden gar nicht klar, dass sie regenerativ wirtschaften. Sie hatten den Hof gleich nach der Übernahme auf biologische Bewirtschaftung umgestellt und die Felder so bewirtschaftet, wie es für sie am meisten Sinn ergab. Sie beobachteten die Natur und die Tiere, achteten, wie sich der Pflanzenbestand nach Nutzung und Düngung veränderte. Erst nach einem Gespräch mit Alex von Hettlingen wurde ihnen bewusst, dass ihre Art der Bewirtschaftung in vielem der regenerativen Landwirtschaft entspricht.

Viele Denkanstösse erhält Lionne aus dem Garten, den sie mit Mischkulturen anbaut. Dort beobachtet sie, was mit dem Boden durch Bewässerung, Mulchen und permanente Bodenbedeckung passiert und probiert dann, ihre Erkenntnisse auch auf den landwirtschaftlichen Flächen anzuwenden.


Vor einiger Zeit führten sie im Garten den „Unterhosen-Versuch“ durch, wobei Unterwäsche aus Baumwolle vergraben wird, um die Aktivität des Bodenlebens zu testen. Nach zwei Monaten fanden sie von der Unterhose nur noch dem Gummizug. Damit wussten sie, dass das Bodenleben in ihren krümeligen Böden intakt ist.


Inspiration aus der Vergangenheit



Lionne und Aureus orientieren sich gerne am Wissen der Vergangenheit. Sie sind überzeugt, dass die Leute vor 100 Jahren genau wussten, weshalb sie etwas auf eine bestimmte Weise machten. Wie beispielsweise der Stallmist in ihrer Region gelagert, berarbeitet und ausgebracht wurde. Lionne holte sich dieses Wissen von den alten Dorfbewohnern.


"Wir sollten altes Wissen und neue Errungenschaften und Betriebsformen verbinden."

Der Wintermist wurde damals im Sommer einmal umgesetzt, im Herbst mischte man Waldboden darunter und im Winter deckte man den Haufen zu. Im Frühling brachte man den Mist, noch auf dem Schnee, auf das Feld und rieb ihn schliesslich im kommenden Herbst ein. Diese Art der Mistbehandlung ist heute, wie viele alte Verfahren, nicht mehr erlaubt.


Lionne ist jedoch überzeugt, dass altes Wissen nicht unterschätzt werden sollte, denn diese wurde oft über viele Generationen erprobt. Viele Abläufe haben einen natürlichen Sinn. „Wir sollten heute altes Wissen und neue Errungenschaften, aber auch neue Betriebsformen sinnvoll verbinden“, ist sie überzeugt.



Regenerative Weidewirtschaft


Im Frühjahr werden die Mähwiesen in regelmässigem Turnus möglichst früh mit den Schafen beweidet. Lionne und Aureus fiel auf, dass sich dadurch die Grasnarbe dichter und der Bestand ausgeglichener wurde als auf reinen Mähwiesen.


Im Sommer sind die Schafe und die Kühe auf der Alp, die Ziegen, Schweine und Pferde bleiben ganzjährig auf dem Betrieb. Während die Ziegen und Pferde regelmässig die Weiden wechseln, bleiben die beiden Muttersauen mit ihren Ferkeln immer am selben Standort. Gerne würden sie mit der kleinen Schweineherde ebenfalls regelmässig die Weide wechseln. Aufgrund der topografischen Lage ist dies jedoch schwierig. Es waren einige Massnahmen notwendig, damit der jetzige Auslauf bleibt, wo er ist und nicht von den Schweinen den Hang hinunter gewühlt wird.



In den Dauerweiden, welche gut befahrbar sind, gibt es in den frühen Sommermonaten einen Zwischenschnitt. Um der Verbrennung der Grasnarbe entgegenzuwirken und zur Förderung guter Futterpflanzen, wird das Gras auf einer Höhe von acht Zentimetern geschnitten.


Im August macht Aureus auf den Weiden einen Säuberungsschnitt, da aufgrund weniger intensiver Bewässerung als auf den Mähwiesen, in der Regel in dieser Jahreszeit sämtliche Pflanzen verbrannt sind. Der Säuberungsschnitt wird liegengelassen. Da die Flächen alle in Steillage sind, ist das Ausbringen von Hofdüngern schwierig und das Material des Säuberungsschnittes somit ideale Nahrung für die Bodenlebewesen.

Nach dem Säuberungsschnitt werden die Flächen bewässert, damit genügend Futter für die Herbstweide wächst. In dieser Region muss auch in normalen Jahren alles bewässert werden, auch Wies- und Weideland.


Das Wasser für die Bewässerung kommt vom grossen Aletschgletscher und bringt viel Sand mit. Früher sagten die Leute, dieses Wasser sei wie Dünger.


Bewässern sei jedoch Gewohnheitssache, betont Aureus. Der Boden könne darauf trainiert werden, und es sei auf ihren Flächen deutlich sichtbar, dass Boden mit höherem Humusgehalt besser mit dem trockenen Klima klarkomme.


"Es gibt kein Rezept und keine Anleitung für regenerative Weidewirtschaft, es muss für jeden Betrieb eine individuelle Lösung gesucht werden."

Allgemein staunen die jungen Landwirte, wie lange jede ihrer Entscheidungen sichtbar sind; wie sich ein Pflanzenbestand durch das Ausbringen verschiedener Hofdünger langfristig verändert, was das regelmässige Mähen von Dornengebüsch oder ein Säuberungsschnitt ausmachen. Ein Satz von einem Lehrer, welcher den beiden in Erinnerung blieb: jede Entscheidung, die in der Landwirtschaft getroffen wird, ist zehn Jahre sichtbar.



Herausforderungen Infrastruktur und Mistkompostierung


Ein Ziel, welches das Paar in den nächsten Jahren angehen möchte, ist die Mistkompostierung. Im Berggebiet ist dies bisher kaum verbreitet und auch bei Lionne und Aureus gestaltet sich die Umsetzung als schwierig. Durch die Lage des Misthofes und das damit verbundene Platzproblem ist die maschinelle Bearbeitung der Kompostmiete nicht möglich. Eine Möglichkeit wäre jedoch, den Mist aufzuschütteln, heiss werden zu lassen und ihn ab einer gewissen Temperatur zusammenzudrücken, ihm so Sauerstoff zu entziehen und so einen Gärstopp herzustellen. Lionne und Aureus klären aktuell ab, ob diese Methode im Berggebiet effizient umsetzbar ist.




Es stehen in Zukunft aber noch einige Investitionen an. Eigentlich war das Ziel der jungen Familie, die vorhandenen Ökonomiegebäude weiter nutzen zu können. Dies ist aber momentan und auch in Zukunft nicht möglich. Jetzt halten sie ihre Tiere verstreut in verschiedenen Ställen, was einen hohen Arbeitsaufwand bedeutet und somit langfristig weder ökologisch-nachhaltig, noch an der geschlossenen Kreislaufwirtschaft orientiert ist. Die Lösung für das Problem sehen sie darin, ein Betriebszentrum zu erstellen, das mit einem grosszügigen Stall und genügend Platz für die Hofdüngerlagerung und -aufbereitung ausgestattet ist.



Schafe gegen Klappertopf


Als grosse Herausforderung hat sich in dieser Region in den letzten Jahren der Klappertopf herausgestellt. Seit der Realisierung des Vernetzungsprojekts Riederalp, eines der ersten Vernetzungsprojekte in der Schweiz, hat sich das Problem noch verstärkt, da dadurch der Schnittzeitpunkt nach hinten geschoben wurde und der Klappertopf sich versamen kann.


Eine grosse Unterstützung im Kampf gegen den Klappertopf sind die Schafe. Alle fünf bis sechs Jahre werden die Dauerwiesen mit den Schafen beweidet, um den Klappertopf zu bekämpfen und um generell den Pflanzenbestand positiv zu verändern. Diese Tiere sind ideale Landschaftspfleger. Das Engadinerschaf klettert fast wie eine Ziege an Sträuchern und Bäumen hoch und drängt selbst Dornen zurück. Das Walliser Landschaf hingegen bleibt am Boden und kümmert sich derweil und die Regulierung der unerwünschten Pflanzen in der Grasnarbe. Durch eine frühe Beweidung werden der Klappertopf und auch andere Pflanzen an der Versamung gehindert.




Aureus ist der Meinung, dass extensiv bewirtschaftete Flächen keine gute Lösung sind. Natürlich bringen sie dem Bergbetrieb ein gewisses Einkommen, welches die Familie sehr schätzt. Die Umsetzung der Bewirtschaftung ist aber auch sehr unflexibel, weil sie den Landwirten nur wenig Spielraum lässt.


Eine Mischform wäre für Aureus ideal, in welcher extensive Flächen auch mal beweidet oder darauf Hofdünger ausgebracht werden könnten. Eine feine Abstimmung von Düngung und Nutzung ist in Aureus’ Augen sehr wichtig, da sich ansonsten der Pflanzenbestand sehr schnell negativ verändert - und mit jahrelangen negativen Folgen.



Gemeinsam geht es besser


Lionne, Aureus und Stefan sind die einzigen gelernten Landwirte in Ried-Mörel. Dennoch glauben sie nicht, dass sie eine bessere Ausbildung als einheimische, ungelernte Bauern haben. Durch die Ausbildung haben sie zwar einen breiteren Blick auf die Bewirtschaftungsmöglichkeiten. „Ohne das langjährige Lokalwissen und die Traditionen der Ortsansässigen, wären wir als Zugezogene in dieser Region jedoch völlig aufgeschmissen“, betont Lionne.




Im Dorf gibt es noch acht Betriebe, davon werden fünf im Vollerwerb bewirtschaftet. Das Klima unter den Bauern ist sehr gut. Die Zusammenarbeit klappe gut und man sei einander keine Flächen neidig. Auch, dass zwei dieser acht Betriebe die Dinge anders handhaben, ist im Dorf kein Problem. Im Gegenteil, die anderen Bauern sind neugierig und freuen sich über den Erfolg der Junglandwirte.


Unterstützung erhält die junge Familie von ihren Eltern, von Freunden, Praktikanten und Zivildienstleistenden. So essen manchmal bis zehn Personen am Mittagstisch. Patte de Lion ist offen für interessierte Besucher, Transparenz ist dem Paar sehr wichtig.


Tipps von Lionne und Aureus für Interessierte und Neueinsteiger

  • Es gibt kein Rezept und keine Anleitung für regenerative Weidewirtschaft, es muss für jeden Betrieb eine individuelle Lösung gesucht werden.

  • Nicht darauf hören, was andere sagen, sondern auf sich selbst hören und herausfinden, was für einem und für den Hof das Beste ist.

  • Sich Zeit lassen, Neues aufzuprobieren.

  • Nicht alles auf einmal ändern, oftmals ist es schlauer, so weiterzumachen wie bisher und eines um’s andere anzupassen. Wenn alles auf einmal geändert wird, kann man keine Rückschlüsse mehr ziehen, was jetzt auf das System ausschlaggebend war.

  • Systeme funktionieren dann gut, wenn es geschlossene Systeme sind. Umstellungen und Änderungen geben immer eine Unruhe und daraus resultieren Auswirkungen, welche manchmal erst Jahre später sichtbar werden.

Und zu guter Letzt: Die Natur beobachten und die Sinne offenhalten. Meistens werden Entscheidungen intuitiv getroffen und dies ist sehr gut so.



Zur Hofwebsite von Lionne und Aureus: https://www.patte-de-lion.ch/


Kurse regenerative Landwirtschaft: https://kurs.regenerativ.ch/



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